Ltur Nix wie weg

Schellnavigation

Reiseziel auswählen

Anmelden

Travunity Newsletter

Newsletter
Der Newsletter informiert Sie in unregelmäßigen Abständen über Neuigkeiten bei Travunity. Mehr Infos

Vertrauensgarantie:
Sie können den Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Ihre E-Mail-Adresse wird ausschließlich zum Versand des Newsletters verwendet und nicht an Dritte weitergegeben oder verkauft. Näheres dazu in den Datenschutzhinweisen.

Surftipps

Weihnachtsblues



von Claudia Schmid

„Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind auf die Erde nieder“, Annette steht in der Küche und singt ihr Lieblingsweihnachtslied. Es klingt grausig, wie immer. Das stört sie nicht. Sie ist weiß Gott keine begnadete Sängerin. Trotzdem beschränkt sie ihre Arien nicht auf das morgendliche Duschen. Zu meinem Leidwesen. Ich liebe Annette. Wirklich. Aber dieser Gesang dröhnt mir in den Ohren und geht mir auf den Geist. So eine schöne junge Frau war meine Annette, als ich sie kennenlernte. Nun, nach zehn Jahren Ehe, sieht sie beinahe aus wie einer dieser Pausbackengel, die sie jedes Jahr Ende November an unsere Haustür pinnt. Ich hatte schon damit gerechnet, dass ihre gertenschlanke Taille sich im Laufe der Jahre ein klein wenig verändern würde. Aber dass Annette ab dem Tag unserer Hochzeit alle Zwänge bezüglich des Zurückhaltens beim Essen abgelegt hatte, darauf war ich nicht vorbereitet. Annette kocht gerne. Und sie bäckt gerne. Natürlich isst sie auch gerne. Weihnachten ist ihr Lieblingsfest. Da kann sie sich so richtig austoben. Annette bäckt für eine ganze Armee: Vanillekipferl, Sultanskrokanten, Zuckerschneckerl, Hildebrandstaler, Sterntaler, Schneeflocken, Schneeweißchen … In der Küche herrscht sirrende Hitze, es wabbert und brabbelt und Annette singt lauthals vor Vergnügen. Nicht dass ich es ihr nicht gönnen würde, dieses Vergnügen. Aber von Jahr zu Jahr wird sie runder und runder. Ihre Stimme kommt mir mit zunehmenden Resonanzboden immer lauter vor. Zum Weihnachtsfest fällt dann die ganze Verwandtschaft hier ein und schlägt sich den Bauch voll. Bis zur Christmette liegt Annette längst fix und fertig auf dem Sofa und schläft.

Ich möchte einmal ein besinnliches Weihnachtsfest erleben dürfen. Nur wir beide. Und das ganze Zuckerbappzeug verfüttere ich vorher an den Hund vom Nachbarn. Und Nachts gehen wir beide in die Christmette. Hand in Hand. Aber daraus scheint auch in diesem Jahr wieder nichts zu werden. Annette bäckt schon wieder, als ob es um ihr Leben ginge, und eine ganze Armee von Verwandten und Bekannten wird am 24. Dezember wieder bei uns einfallen. Das Schlimmste ist dieses Weihnachtsliedersingen. Das tut mir beinahe schon körperlich weh. Wenn da nur einer einen einzigen Ton richtig träfe! Aber so …

Ich mache das nicht mehr mit. Einer meiner Freunde ist Angler, von dem habe ich mir Mehlwürmer besorgt und in Annettes Mehl platziert. Bald wird ihr Mehlvorrat in der Küche aufgebraucht sein und sie wird sich Nachschub aus dem Keller holen …

„Gerd! Gerd!“

Schrille Schreie aus dem Keller. Ist es also so weit. Hat sie die Mehlwürmer gefunden. Vor lauter Ekel wird sie bestimmt keine Plätzchen mehr backen, ich kenne doch Annette, weiß, wie sensibel sie ist.

„Gerd!“ Nun steht sie vor mir. „Gerd, in dem Mehl aus dem Keller sind Würmer drin. Ich schütte das ganze Päckchen ins Vogelhäuschen. Das sind ja beste Proteine für die kleinen Rackerchen! Also, echt, keine Ahnung, wie die da rein kommen. So was hatte ich noch nie! Ich kaufe das Mehl doch immer im selben Laden, das war bislang immer in Ordnung. Naja, aber weißt du, Gerd, eigentlich ist das doch ein gutes Zeichen. Das heißt doch eigentlich, dass das Mehl naturbelassen ist, nicht wahr? An Chemie würde doch die Würmer nicht dran gehen, oder? Sei doch so lieb, Gerd, und hole mir eben ein drei-kg-paket Mehl, ich kann grad nicht weg, ich hab noch meine Kipferl im Backofen.“

Betröppelt stehe ich auf. So ein Mist, der Schuß ging nach hinten los! Wie man sich täuschen kann, nach zehn Jahren Ehe! Ich hätte gewettet, Annette würde es derart vor den Mehlwürmern grausen, dass sie mit der Backerei aufhört.

Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als neues Mehl zu kaufen. Nochmals Würmer rein zu tun traue ich mich nicht. Sie soll ja auf keinen Fall was merken. Denn ich liebe Annette. Nur dieses Weihnachtsgetue! Das mag ich nicht.

Ich muss mir etwas Neues einfallen lassen. Das Weihnachtsfest soll nach Möglichkeit so werden, dass ihrer versammelten Verwandtschaft die Lust drauf vergeht, hier bei uns einzufallen. Mein Blick fällt auf ein Zeitungsinserat. „Liebevolle Geschenke selbst gemacht! Erfreuen Sie ihre Liebsten zu Weihnachten mit selbst Gebasteltem!“ Hah, das ist es! Ich werde dieses Jahr ganz grausige Geschenke liebevoll verpacken und mit einem harmlosen Gesichtsausdruck übergeben! Sofort melde ich mich an für den Kurs, es sind noch fünf Termine.

Am ersten Abend häkle ich mit meinen ungeschickten Fingern, die vor Anstrengung schwitzen, ein Brillenetui in schrei-orange. Ich bekomme beinahe Augenkrebs von dieser Farbe. Das Etui ist für meine Schwägerin Gerslinde. Sie verhüllt ihre Leibesfülle bevorzugt mit gedeckten Farben. Das schrei-orange wird gut dazu passen.

Am zweiten Abend stricke ich, nun schon mit etwas willigeren Fingern, eine mausgraue Krawatte mit goldenen Streifen für Annettes Vetter Adalbert. Mittendrin lasse ich eine große Masche fallen, das sieht sehr dekorativ aus.

Am dritten Abend baue ich ein windschiefes Vogelhäuschen für Annettes Schwester Helga. Ich muss mir noch ein paar Schimmelpilze besorgen, die ich auf das Dach streiche.

Am vierten Abend ist wieder häkeln angesagt: ich häkele einen neongrünen Kondombehälter für Ansgar, Annettes Vetter zweiten Grades. Ich konnte den Kerl noch nie ausstehen, er scharwenzelt für mein Gefühl eine Spur zu intensiv um meine Frau herum. An die Ecken nähe ich bunte Bommel mit Glitter. Meine Finger werden immer geschickter!

Am fünften Abend töpfern wir. Wahre Meisterwerke entstehen unter den Händen der anderen Kursteilnehmer. Unter meinen Händen entsteht ein unebener Teller, den ich unglasiert brennen lasse. Der kommt auf unseren Weihnachtstisch.

Plötzlich ist es Weihnachtsabend geworden. Mir verging die Zeit dies Mal furchtbar schnell. Annette habe ich kaum gesehen. Ich bin voller kribbeliger Vorfreude und kann es kaum erwarten, meine Geschenke, die ich in goldenes Weihnachtspapier gewickelt habe, zu übergeben. Das wird bestimmt mein letztes Weihnachtsfest mit dieser Bande, die da jedes Jahr wie ein Unwetter bei uns einfällt und mir die Laune verdirbt. Zum letzten Mal werde ich mir gekreischte Weihnachtslieder anhören müssen, bei denen es selbst einem gutmütigen Weihnachtsfanatiker schwer fallen würde, weihnachtliche Gefühle zu entwickeln.

Annette hat ihr Festtagskleid an, sie schaut mich den ganzen Tag über schon so seltsam an. Es klingelt, die Vorfront ist da. Ich führe sie mit gespielt guter Laune ins Wohnzimmer. Bald sind sie alle versammelt und das Weihnachtsliedergesinge geht los. Da ich mir sicher bin, das nun zum letzten Mal über mich ergehen lassen zu müssen, setze ich ein freundliches Gesicht auf. Die Meute fällt über Annettes Plätzchen her wie ein Heuschreckenschwarm und vertilgt sie bis auf den letzten Krümel. Niemand sagt etwas zu dem beeindruckend hässlichen Teller, auf dem sie liegen. Die ganze versammelte Bande ist betont freundlich zu mir.

Abends gehen wir zum Weihnachtsgottesdienst, dann geht es wieder zu uns nach Hause, Würstchen essen. Weihnachtswürstchen.

Dann kommt das Geschenkeauspacken. Noch nie habe ich mich derart darauf gefreut. Meine Schwägerin Gerslinde wickelt ihr Brillenetui aus.

„Reizend!“ Die falsche Schlange tut entzückt.

Adalbert legt sich die Krawatte mit dem dekorativen Loch in der Mitte gleich um seinen dicken Hals und bindet sie.

„Ein Unikat!“, ruft er aus.

Helga starrt voll Entzücken auf das Vogelhäuschen, dessen Dach grünlich glibbert. Mein Gott, die übertreiben es aber wirklich mit ihrem falschen Getue!

Ansgar hält strahlend den gehäkelten Präser-Behälter hoch – ich habe gleich zwei Pariser hinein gesteckt, damit er auch wirklich kapiert, was er da in Händen hält.

„Nun musst du aber auch deine Geschenke auspacken“, drängt er.

Ich sehe lustlos auf den Haufen eingewickeltes Zeug, was da vor mir liegt. Was wird da wohl drin sein. Socken, versilberte Lesezeichen?

Ich packe das erste Päckchen aus. Es ist ein Buch. „Alleine glücklich.“ Im zweiten Päckchen ist ein Gutschein für den Waschsalon. Im dritten ist ein Schlüssel.

„Wozu ist der denn?“ Ich halte ihn hoch.

„Wir haben gemeinsam etwas beschlossen.“ Annette greift nach Ansgars Hand. „Meine Familie und ich“, sie schaut ihm in die Augen und gibt sich einen Ruck. „Du passt einfach nicht zu uns. Dies ist unser letztes Weihnachtsfest mit Dir.“

Ansgar ergänzt: „Das ist der Schlüssel zu deiner neuen Wohnung. Wir hoffen, sie gefällt dir. Ich fahre dich gleich rüber.“

Nun sitze ich hier, in einem Ein-Zimmer-Appartment, am anderen Ende der Stadt. Annette hatte meine Sachen schon gepackt, Ansgar hatte sie mir beim Aussteigen in die Hand gedrückt. Ich stehe im 12. Stock am Fenster und schaue auf die Lichter der Stadt. Weihnachten, heute ist Weihnachten.

Über die Autorin Claudia Schmid:

Claudia Schmid wurde 1960 in Passau geboren und lebt mit ihrer Familie in Mannheim. Sie studierte Germanistik und Betriebswirtschaftslehre an der Mannheimer Universität mit Abschluss Magister Artium. Sie arbeitet als freie Autorin, ist Dozentin bei der Abendakademie Mannheim und gehört dem Vorstand der Räuber77 Literarisches Zentrum Rhein-Neckar e.V. an. Darüber hinaus ist Sie Geschäftsführerin und Redakteurin von Travunity. Mehrere ihrer Erzählungen wurden in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Website: www.ClaudiaSchmid.de