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GABEN DER LANDSCHAFT – DAS LEUTASCH (2.Teil)

Hohe Munde


Im „Geizzital“

Das Leutasch und das Geizzital, heute Gaistal, gehörten bis 1500 zur Grafschaft Werdenfels, die zu dieser Zeit wiederum im Besitz des Hochstifts Freising war. An der Spitze eines Hochstifts stand ein Fürstbischof, der neben seiner geistlichen Macht auch noch die weltliche Funktion eines Landesfürsten ausübte, und er war im Reichsrat des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als stimmberechtigtes Mitglied vertreten.

1500 musste Freising Scharnitz und das Leutaschgebiet an die Grafschaft Tirol abgeben. Die Tiroler waren für die Freisinger ein zu mächtiger Nachbar. Um diese Zeit war Maximilian I, auch der letzte Ritter genannt,
Graf von Tirol (von 1490–1519), schon seit 1483 war er Deutscher König, ab 1493 Erzherzog von Österreich und schließlich ab 1508 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

In Urkunden des Stiftes Freising ist der Name „Geizzital“, das heutige Gaistal, bereits im 11.Jahrhundert erwähnt. Es war zuerst nur Jagdgebiet, erst in späterer Zeit kam die Almwirtsschaft dazu.

Heute ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle der Gegend.

Es war der Schriftsteller Ludwig Ganghofer (1855–1920), der das Leutasch- und Gaistal bekannt machte. Er pachtete gemeinsam mit Partnern eine Jagd im Gaistal, kaufte sich bei der Tillfußalm ein geräumiges Jagdhaus, das er Schloss Hubertus nannte. Ihm zu Ehren heißt der Wanderweg vom Parkplatz bei der Salzbachbrücke über die Gaistal- zur Tillfußalm Ganghofer-Weg. Er führte mit seiner Frau, der Schauspielerin und Sängerin Kathinka Ganghofer, auf Hubertus ein gastfreundliches Haus mit bekannten Persönlichkeiten aus Kunst und Politik als Gäste. 1899 beschreibt er in seinem Roman „Das Schweigen im Walde“ die Tillfußalm, sein Jagdhaus, das Gaistal. Die Geschichte wird mehrmals verfilmt. Als Dank errichtete die Gemeinde Leutasch 1999 das Ganghofer-Museum im Ortsteil Kirchplatzl.

im Gaistal

Almen im Gaistal

Alm leitet sich vom Wort Alp, Alpen ab, ein Begriff aus der Vorrömerzeit, und bedeutet soviel wie Hochweide. Die Almwirtschaft geht zurück bis in die Bronzezeit (um 1700 bis 900 vor Christi). Sie diente zur Entlastung der Talweiden und Vorratsbildung für den Winter. Bis Ende des 19. Jahrhunderts pflegten die Bauern die Dreistufenwirtschaft. Nach dem Winter trieben sie das Vieh auf die Talweiden, waren diese abgefressen, auf die Niederleger, so nannten sie die Almen auf einer Seehöhe um die 1.500 Meter. Die letzte und höchste Stufe waren die Hochalmen oder Oberleger, die bis 2.000 Meter und darüber hinaufreichten.

im Gaistal

Zur Hämmermoosalm

Es ist um 4 Uhr nachmittags. Wieder ist es ein Sonnentag gewesen, wolkenlos, tiefblauer Himmel und das Land in schimmerndem Weiß. Das Gaistal liegt um diese Zeit schon im Schatten. Vom Parkplatz an der Salzbachbrücke, es ist die letzte Autoabstellmöglichkeit, nehmen wir die Forststraße, die durch das ganze Gaistal bis hinüber nach Ehrwald führt; die Fahrstraße ist für den Autoverkehr gesperrt und identisch mit dem Europäischen Fernwanderweg Nr.4. Durch das Tal fließt die Leutascher Ache, die weiter oben aus dem Igelsee entspringt. Parallel zur Forststraße, etwas oberhalb auf der Wettersteinseite des Tales, verläuft der Ganghofer-Weg, der zur Tillfußalm leitet.

das Gaistal

Wir haben ein anderes Ziel. Schon nach einem kurzen Wegstück gibt es eine Abzweigung nach rechts: Hämmermoosalm steht auf der Wegweisetafel. Da sind wir richtig. Der Forstweg ist nicht steil, doch langsam gewinnen wir Höhe. Ringsum Wald und Wiesen mit knorrigen alten Bäumen. Im Süden, schon im Schatten, der Nordabfall der Mieminger Kette ins Gaistal, mit der Hohen Munde im Osten und etwas westlich von unserem Standort die Spitze des Vorderen Tajakopfs. Wenn wir nach Norden schauen, in unsere Gehrichtung, ragt vor uns das wuchtige Wettersteingebirge auf. Noch voll im Sonnenlicht. Doch das Licht wird schon weicher, nimmt schon langsam den rotgelben Ton der Abendstimmung an. Es ist eine Augenweide für den Wanderer: die Farben, der Reichtum an Gestalt – kein Berg sieht aus wie der andere. Der einzelne Gipfel ist dabei nicht so wichtig, das Ganze ist wichtig. Es ist eine Gegend, in der man gerne zu Fuß geht.

Hämmermoosalm

Nach 40 Minuten vom Parkplatz weg: die Hämmermoosalm (1.480 Meter). An der Hauswand, ganz rechts beim Geländer, das die Gaststättenterasse abschließt, ist das letzte Sonnenplätzchen. Gerade noch Platz für eine kleine Gästegruppe und – einen Harfenspieler.

Hämmermoosalm

Eine Harfe bei einer Ausflugsgaststätte? Kitschige Folklore? Viele Intellektuelle, die sich auch noch für kunstsachverständig halten, werden das mit fundamentalistischem Eifer vertreten.

Doch hören wir einmal hin. Wir vernehmen Klänge, keinen elektronischen Radau, wir hören Klangfolgen, Melodien. Und diese Klänge und Melodien sind es, die der Mensch als angenehm und wohltuend empfindet.

Albert Gomig heißt der Harfenist, und er spielt auf einem der ältesten Musikinstrumente der Menschheit. Die Harfe war schon im Alten Ägypten, etwa 3000 vor Christi, im Gebrauch. Und hier heroben auf der Alm, mit den letzten Sonnenstrahlen, vor einem eindrucksvollen Bergpanorama, gekonnt gespielte Klänge zu vernehmen, Melodien hören zu können, ist ein erbauliches Erlebnis, ein Glücksfall.

Das alles schaut nicht nach einem organisierten Tourismusrummel aus.Albert Gomig organisiert sich selbst, er musiziert im großartigsten Konzertsaal der Welt: auf einer Alm, rundum Wald, schneebedeckte Berge in der Abendsonne - und endloser Himmel.

das Wettersteingebirge

Die Seele der Hämmermoosalm

Die Alm wurde im 14. Jahrhundert als Schweighof „Hemmermoos“ urkundlich erwähnt und war im Besitz des Zisterzienser Klosters Stams. Schweighöfe dienten vor allem der Belieferung herrschaftlicher Küchen mit Milch, Käse und Fleisch.

Bis Ende der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde auf der Alm hauptsächlich Viehwirtschaft betrieben, mit allem was dazugehört: Senner und Sennerinnen, Kühe, Kälber, Milch, Butter- und Käseerzeugung, Almauftrieb und Abtrieb. 1959 wurde dann die Alm erstmals verpachtet und danach auch touristisch genutzt. Anfang der 70er-Jahre wird die Milchverarbeitung nicht mehr selbst gemacht, sie wird nach Innsbruck „outgesourced“, wie das heute so bezeichnet wird. Die alte Sennstube, in der früher die Almbewohner nach der Arbeit beisammen saßen, wurde für die Gastronomie umgebaut und heißt nun die „Alte Stube“ und ist der begehrteste Platz der Stammgäste.

Sonja

Albert, den Harfespieler, haben wir kennen und schätzen gelernt. Doch wer steckt dahinter, dass die Alm Sommer und Winter bewirtschaftet wird, dass die Gastwirtschaft wie am Schnürchen läuft, dass im Sommer bis zu 100 Kühe mit Melker und sonstigem Personal versorgt werden müssen, und wer ist der letzte in der Kette, der nicht mehr weiterdelegieren kann, wenn einmal alles drunter und drüber geht? Das muss ein toller Mann sein! Toll schon, aber kein Mann – es ist eine Frau, eine einzelne Frau. Alleinstehende Mutter zweier Söhne, der ältere fertigstudiert und „Fast“-Bergführer. Und neben ihrer in der Hochsaison oft 100-Stundenwoche findet sie noch Zeit, nicht viel aber doch, zum Schifahren, Bergwandern und Reiten: Sonja Wanner.

Nicht vergessen: Sonja kocht auch noch, nicht nur, wenn Not am Mann ist (es müsste eigentlich „wenn Not an der Frau ist“ heißen, aber Jahrhunderte alte Sprichwörter können in einer Generation nur schwer verändert werden), sondern auch aus Freude am Kochen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass der berühmte Kaiserschmarrn von der Hämmermoosalm ihre Idee gewesen ist.

Noch etwas erzählt sie: Zu einer Almpächterin gehört eine Menge Idealismus, Liebe zur Bergwelt und Begeisterung. Denn das alles soll auch noch Freude machen.

Die Terasse der Hämmermoosalm liegt nun schon ganz im Schatten, es wird kühl. Ein letzter Klang, Albert Gomig verstaut seine Harfe im Haus; und auch wir essen den fabelhaften Kaiserschmarrn drinnen in der gemütlichen
„Alten Stube“.

Hohe Munde

Im Ortsteil Lehner

Der Weiler Lehner besitzt 2 Vorteile. Zum Ersten seine Lage: Er liegt ziemlich in der Mitte des Leutaschtals, nahe der Schilanglaufloipe, sodass von hier aus die Ost-und Westrunde jeweils eine bequeme Tagestour ist, und der Ortsteil schmiegt sich bis ans Wettersteingebirge heran, etwas abseits der Landstraße, was den Gästen des Nachts eine ungewohnte Stille beschert.

Das zweite Plus: Mitten in Lehner steht der Lehnerhof der Familie Neuner.Schon bei der Ankunft beeindruckt der weite Hof, einer wie er auf Bauernhöfen gebraucht wird. Doch das stattliche Haus, das sich auf einer Seite des Hofes fast über die gesamte Länge erstreckt, ist kein Bauernhaus – es ist ein Hotel.

Familienwappen

Seit 1925 gehört der Besitz den Neuners. Silvester Neuner kaufte damals eine Brandruine und baute dann darauf seinen neuen Bauernhof. Sohn Johann übernahm 1956 den Hof und erweiterte das Anwesen um eine Frühstückspension, die seine Frau Berta führte. Der Fremdenverkehr florierte im Tal, und so vergrößerten die Neuners schrittweise die Anzahl ihrer Gästebetten.Heute ist schon die dritte Generation am Werk: Ursula und Adalbert Neuner. Auch die vierte Nachfolge ist schon gesichert, 3 Söhne: Lukas, David, Philipp.

Ursula Neuner

Ein Familienbetrieb. Da spricht der Gast direkt mit der „höchsten Instanz“ des Unternehmens, nicht mit jemandem, der immer erst beim Chef rückfragen muss, aber der ist gerade nicht da.

In der Pension Neuner macht es Spass in der Früh aufzustehen, die Balkontür einen Spalt zu öffnen und die ersten Sonnenstrahlen hereinzulassen. Das mit Sorgfalt hergerichtete Frühstücksbuffet lädt den Gast zu einer delikaten Stunde an einen Tisch, der groß genug ist, um auch mal eine Zeitung hinzulegen, ohne dass Tassen und Teller darunter verschwinden. Dass beim Buffet nichts fehlt, dass alle Gäste gleichzeitig bedient und auch Sonderwünsche erfüllt werden, dafür sorgt: Ursula Neuner.

Unterleutasch

Immer wieder begegnen wir Frauen, die Unglaubliches geleistet haben, noch immer leisten, und die doch sehr oft im Schatten der Männer stehen, dazu:eine Randbemerkung.

Die westliche Welt ist eine Männerwelt. Zu dieser Welt gehören heute alle Gesellschaften, deren Wurzeln im Abendland, in Europa liegen und deren Gedankengut von 2 monotheistischen Religionen beeinflusst wurde und noch immer wird, vom Juden- und Christentum. Beide Religionen haben einen einzigen, männlichen Gott, und in beiden Glaubensbekenntnissen spielen Frauen nur eine untergeordenete, dienende Rolle; ausgenommen der Protestantismus, da gibt es zumindestens auch Pastorinnen. Dem Missionierungseifer der christlichen Konfessionen fiel bei der Eroberung und Koloniarisierung unseres Globus’ eine entscheidende Rolle zu. Die Agressivität und Brutalität des Vorgehens dabei sind Männereigenschaften, und der Westen ist noch immer nicht von diesem globalen Alleinvertretungsanspruch frei. Natürlich haben demokratische Denkweisen in der westlichen Hemisphäre Frauen ein hohes Maß an Freiheit und Selbstbestimmung gebracht, wovon Frauen in anderen Kulturen nur träumen können.

George Bernard Shaw hinterließ uns zahlreiche geistvolle Sprüche, wie beispielsweise: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.“ Vielleicht wäre er auch mit einer Abwandlung seines Ausspruchs einverstanden gewesen: „Was wir brauchen sind Frauen; seht euch an, wohin uns die Männer gebracht haben.“

Leutasch

Franz Haslinger
Leutasch, im März 2012

©haslinger.franz@yahoo.de

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