Ltur Nix wie weg

Ein Tag in Groningen

Eigentlich sollte es regnen, was das Zeug hält. Für die gesamte Urlaubswoche in Ostfriesland hatte der Vertreter Herrn Kachelmanns gleich nach den Nachrichten siffiges Wetter verkündet. Aber das Wetter meinte es gut mit uns und so brachen wir bei herrlichem Sonnenschein auf zu unserem Ausflug nach Holland. Eine knappe Stunde sollte die Fahrt dauern. Vorbei an den Grenzanlagen, an denen überhaupt nicht mehr anzuhalten ist, merkten wir nur an dem Begrüßungsschild, dass wir nun in Holland waren. Viel zu schnell, um das Schild zu entschlüsseln, auf dem angeschrieben stand, welche Höchstgeschwindigkeiten hier galten. So ein Mist, ausgerechnet die unterste Zeile, auf der die zugelassene Höchstgeschwindigkeit für die Autobahn angegeben war, hatte im Vorbeifahren keiner von uns lesen können.

Alles sah noch genauso aus wie in Ostfriesland: das platte Land, das satte Grün, die glücklichen Kühe, ganze Pferdeherden auf eingezäunten Weiden und darüber klebten wie aquarelliert ganze Landschaften an dekorativen Wolken. Nur das wir jetzt eben in Holland waren. Unser Navigationssystem kannte die brandneue Autobahnausfahrt nach Groningen noch nicht und so fuhren wir erstmal dran vorbei. Die schlaue Blechmarie merkte aber rasch, dass wir „schwammen“ und gab uns eine neue Route vor. So näherten wir uns rücklings an Groningen und sahen nun die typischen schmalen und hohen Häuschen an Wasserkanälen, die wir, hätten wir die richtige Abfahrt erwischt, sicher nicht entdeckt hätten. Eine gewisse Vorliebe für Klinker ist auch hier den Bewohnern nicht abzusprechen, aber die schmalen Häuser sind mit hübschen Giebeln geschmückt und reizend verziert. Plötzlich steht auf der anderen Seite ein Hochhaus, erinnert an den Grand Arche in Paris. Zu dem gigantischen Innenhof hin kleben Balkone an den Wänden, die Etagennummern sind angeschrieben. Ein riesiges „Fenster zum Hof“ mit spannenden Eindrücken für die Nachbarn, wenn man nicht dazu neigt, Gardinen aufzuhängen.

Das Zentrum Groningens ist gut ausgeschildert, ebenso die vielen Parkhäuser. In unserem am Rademarkt kostet die Stunde 1.90 € und es hat bis 19 h geöffnet. Bis dahin müssen wir unser Auto wieder abgeholt haben.
Wir queren die Oster Brug, die bei Bedarf auch hochgeklappt werden kann, damit große Schiffe vorbei fahren können.

Um die gesamte Altstadt liegt ringförmig ein Wasserkanal, da der „Grote Mart“, zu dem es uns hinzieht in etwa mittig im Rund liegt, können wir ihn gar nicht verfehlen, wenn wir einfach gerade aus gehen. So bummeln wir die Oosterstraat längs, die von wirklich hübschen Häusern gesäumt ist. Viele Läden sind hier, in denen alles Mögliche angeboten wird. Fahrräder, riesige Hängematten für Übergewichtige und hübsches Geschirr. Der Grote Markt hält allerlei Waren feil. Stoffe, Wolle, Tücher, Gürtel und ein Fischstand. Auf dem Vismarkt gleich in der Nähe gibt’s hauptsächlich Lebensmittel – Stände mit Käse und überquellend mit Obst. Und zwischen den Märkten befinden sich übrigens öffentliche Toiletten, sie sind nicht zu verfehlen. Mein Tipp für Städtereisende: Auch Parkhäuser haben meist ein stilles Örtchen.

Gleich neben dem Grote Markt die Martini Kerk. Die Menschen sind alle sehr freundlich, da, wo wir was kaufen, fällt uns die ausgesprochene Freundlichkeit besonders auf. Angenehmerweise wechseln sie, sobald wir sie ansprechen, mühelos in unser Idiom. Wir folgen einer weiteren Straße zum Turfsingel, meine müden Füße hätten nichts gegen aufgestellte Sitzbänke am Kanal, auf dem voll möblierte Wohnboote ankern, einzuwenden. Aber Sitzbänke sind nicht grade üppig verteilt.
Groningen macht einen überaus freundlichen und hellen Eindruck, die Menschen sind emsig, sehr viele sind mit dem Fahrrad unterwegs. Nach dem fünften Beinahezusammenstoß entwickle ich eine Strategie, die ich mir zugegebenermaßen von den anderen Fußgängern abgucke: ich gehe stur geradeaus, laufe nicht etwa im Zickzack von einem Schaufenster auf der einen Straßenseite zu einem, das mich mit seiner Auslegegware auf der gegenüberliegenden Seite magnetisch anzieht. Der Fußgänger- und Fahrradstrom hält sich zudem strikt an die Rechtsverkehrsregel. Nachdem ich das verinnerlicht habe, gibt’s auch keine Beinahezusammenstöße mehr, die ausnahmslos mit einem verständnisvollen Lächeln quittiert wurden. Den ganzen Tag über höre ich keine unflätigen Flüche, kein „So passen Sie doch auf!“ Und ich sehe keinen einzigen Zusammenprall, Fußgänger und Fahrradfahrer haben sich offenbar bestens miteinander arrangiert. Und es gibt immens viele Fahrradfahrer!

Vor der Universität in der Academie Broer Plein Str. stehen schätzungsweise ein paar Hundert. Sie sind mit erstaunlich dicken Ketten gesichert. Viele Studenten sitzen auf den Treppen vor dem Unigebäude, unterhalten sich stehend oder hasten vorbei. Ein paar tragen Blumensträuße – sieht nach letztem Prüfungstag und dem Start in ein neues Leben aus!

Gegenüber dem Bahnhof mit seiner prächtigen Fassade liegt das Moderne Museum Groningens mitten im Kanal. Leider hatte es während meines Besuches wegen Umbaus geschlossen, aber schon von außen sieht es einfach toll aus.
Im Kaufhaus Vroom & Dreesmann (V & D) ist im Erdgeschoss ein großes, modern eingerichtetes Selbstbedienungscafé mit tollen Kuchen und leckeren Snacks. Die Pralinentheke ist zauberhaft und lud mich zum ausgiebigen Sündigen ein. Derart gestärkt holte ich mein Auto pünktlich aus dem Parkhaus ab und verließ nach einem angenehmen Tag diese Stadt, die mir wirklich ausgesprochen gut gefällt.

Übrigens liegt die zulässige Höchstgeschwindigkeit für Autobahnen in Holland für PKW`s ohne Anhänger bei 120 km/h.

MoverOne