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PERTISAU - ZWISCHEN KARWENDEL UND ACHENSEE

Achensee mit Ebnerjoch

Ob sie vom Himmel herunterschaun – die Ritter Dietrich und Gerwein von Schlitters ?
Die beiden unternahmen jedenfalls alles in der damaligen Zeit Mögliche, um der Strafe für ihre Sünden zu entgehen. Wir stehen im 12. Jahrhundert, im Hochmittelalter, und es begann gerade die Aufteilung der Macht zwischen den zwei Proponenten: weltlichem Adel und katholischer Kirche ; vier Jahrhunderte konnte sich dieses duale Herrschaftssystem unangefochten behaupten, bis zum Beginn der Neuzeit mit Reformation und Aufklärung.
Doch die Koalition Staatsmacht–Religion funktionierte auch weiterhin, nicht nur mit der römischen Kirche, sondern auch mit den Prostestanten : Im Zeichen des Kreuzes entdeckten, eroberten und unterjochten die Europäer den gesamten Erdball.

Dietrich und Gerwein aus dem Geschlecht der Edlen von Schlitters, einem Ort im Zillertal, schenkten im Jahre 1112 der Benediktinerabtei von St.Georgenberg, das ist das Ursprungskloster der heutigen Fiechter Benediktiner, das gesamte Achental, mit See und den wenigen Bewohnern, die als Leibeigene zum Besitz dazugehörten. Das Achental war vor allem Jagd- und Fischereigebiet für die adelige Gesellschaft, die schon damals vom Reiz dieser Landschaft beeindruckt war.

Der Orden verwaltete den Besitz so sorgsam, dass der im 19. Jahrhundert aufkommende Fremdenverkehr eine intakte Naturlandschaft vorfand ; der Achensee selbst verblieb bis 1919 im Eigentum der Benediktiner.

Pertisau, Pfarrkirche

Der Achensee

Die kürzeste Verbindung von München ins Unterinntal verläuft durch das Achental. Schon aus diesem Grund hat das Land um den Achensee herum immer schon eine wichtige handelspolitische Rolle gespielt. Und der Kontrast zwischen den hohen Bergen des Karwendels im Westen, dem Rofangebirge im Osten und Tirols größtem und tiefstem See, läßt ein außergewöhnliches Naturschauspiel entstehen, das jedes Jahr Besucher aus aller Welt hierher lockt. Der langgestreckte See ist an die 12 km lang, durchschnittlich 1 km breit, hat eine Größe von etwa 7 km² und ist über 130 m tief.

Es ist nicht verwunderlich, dass über einen solchen Platz unglaubliche Geschichten erzählt werden. So hätten, einer Legende nach, am 1. November 1755 meterhohe Wellen den See aufgewühlt, und der Wasserspiegel sei um über 1 m gesunken. Das ganze Spektakel hätte 24 Stunden gedauert, danach sei der Wasserstand wie vorher gewesen. Und das Unbegreifliche dabei ist: Zur selben Zeit zerstörte ein gewaltiges Erdbeben an der europäischen Atlantikküste, mehr als 2.000 km entfernt, fast die ganze Stadt Lissabon.

Pertisau, Schönes Falzthurntal

Auf Schwemmland gebaut – Pertisau

Das Westufer des Achensees ist nur schwer zugänglich, die Straße vom Inntal nach Bayern führt am Ostufer entlang – und doch finden wir am Weststrand, ziemlich am südlichen Ende des Sees, den anmutigsten Flecken des Achentals: die Fraktion Pertisau. Fraktionen hießen früher die Teilgebiete einer Gemeinde, heute nennt man sie Ortschaften. Pertisau gehört zur Gemeinde Eben. Die Kirche dort war früher einmal dem Heiligen Rupert geweiht, und einige Heimatforscher vermuten, dass der Name Pertisau aus „(Ru)pertis Au“ entstand, wobei „Au“ auf eine Wiesenlandschaft hinweist.

Was durchaus zutreffend ist. Denn der Ort ist auf Schwemmland gebaut. Die Gebirgsbäche aus dem Pletzach-, Falzthurn- und Tristenautal schwemmten im Laufe von Jahrhunderten Geröll und Erde aus dem Karwendelgebirge Richtung Achensee. Das Geschiebe blieb jedoch vor der Mündung in den See liegen und bildete die Unterlage für die Wiesenlandschaft, in der sich mit der Zeit das Dorf entwickeln konnte.

Pertisau mit FalzthurnjochPertisau war schon in frühen Zeiten ein bevorzugtes Jagdgebiet des Adels. Sigmund der Münzreiche baute 1469 das 1. Fürstenhaus, damit er seine Jagdgäste entsprechend bewirten und unterbringen konnte. Den Beinamen „der Münzreiche“ erhielt er deswegen, weil er die Tiroler landesfürstliche Münzprägeanstalt von Meran nach Hall verlegte und dort die ersten silbernen Guldengroschen mit seinem Abbild prägen ließ. 1853 wurde dann das 2. Fürstenhaus errichtet, das schon dem immer mehr aufkommendn Fremdenverkehr zur Verfügung stand. Das 3. Fürstenhaus entstand 1980 und ist heute der repräsentative Teil des Hotels „Travel Charme Fürstenhaus Am Achensee“.

Pertisau im FalzthurntalOft ist es so, dass man einen Platz entdeckt und sich fragt: Warum komm ich erst jetzt hierher? – Und ist nicht Pertisau so ein Ort, das Osttor ins Karwendel? Meistens denkt man als Gelegenheitsbesucher des Karwendels an die Zufahrten aus Bayern über Vorderriß ins Riß- und Engtal oder von Scharnitz aus ins Hinterautal. Etwa 1½ km erstreckt sich die leicht ansteigende, aber ebene Fläche Pertisaus vom Achensee bis zu den Karwendelbergen, und rund 1 km breit ist das fast baumfreie Schwemmland. Vier dominante Gipfel erfasst das Auge des Besuchers schon vom Ort aus: der südlichste ist der Dristenkopf (2005 m), dann weiter nördlich das Sonnjoch (2457m), die Schaufelspitze (2306 m) und das Falzthurnjoch (2150 m). Das alpine Schigebiet des Zwölferkopfs (1491 m) und der Bärenkopf (1991 m) schirmen den Ort gegen das Inntal ab, und im Norden begrenzt die Seebergspitze (2085 m) das Dorfgebiet.

Und wenn man nach Osten schaut, glitzert das tiefgrüne Wasser des Achensees, und die Westhänge der Rofanspitze (2259 m) scheinen unmittelbar aus dem See herauszuwachsen. Etwas weiter südlich entdecken wir noch das Ebnerjoch (1957 m), und
in der Ferne, im Südosten, grüßen die schneebedeckten Berge der Kitzbühler Alpen.

Da ist schon einiges, was es hier zu entdecken gibt – vor allem eine weitgehend intakte Natur, die mit ihrer Einmaligkeit die Sehnsucht des urbanisierten Menschen nach Individualität erfüllen kann.

Pertisau, Gramaialm

Die Tradition der Gastfreundschaft in Tirol

Graf Meinard II. (1238 – 1295) aus dem Geschlecht der Meinhardiner gilt als der Begründer Tirols als eigenständiges Land. Er schuf eine effiziente Verwaltung,entmachtete dabei den Adel und legte damit den Grundstein für einen freien Bauernstand – Ende des 14. Jahrhunderts gab es in Tirol keine leibeigenen Bauern mehr. Das war einer der Gründe für das Entstehen eines starken Zusammengehörigkeitsgefühls bei der Bevölkerung, und aus dem Selbstbewusstsein der freien Bauern entsprang die natürliche Gastfreundschaft, die auf allen Bauernhöfen gepflogen wurde.

Noch etwas ist bemerkenswert: Frauen führten nicht nur die Haushalte, sondern sie waren auch in Kriegen dabei, im Abwehrkampf gegen die Franzosen standen viele gemeinsam mit den Männern an der Front.

Ziemlich im Mittelpunkt des Ortsgebietsvon Pertisau steht das Hotel Caroline. Und wenn man ein wenig in den Anallen des Hauses blättert erkennt man rasch: Es ist eine Geschichte lebenstüchtiger Frauen, die vor fast 100 Jahren begann. Theresia Entner kaufte nach dem 1. Weltkrieg den Wiesenhof, den dann ihr Sohn Johann und ihre Schwiegertochter Karolina gemeinsam bewirtschafteten. Nach dem Tod ihres Mannes führte Karolina Landwirtschaft und die Fremdenpension „Villa Entner“ alleine weiter. 1997 übernahmen dann Gertrude und Anton Entner das Hotel und nannten es nach der Mutter „Hotel Caroline“. Und seit 2009 ist die 4.Generation am Werk: Maria und Florian Entner, und die nächste Frauengeneration wächst schon heran, Emily und Jennifer. Wahrscheinlch verkörpern Frauen das, was wir als Gastlichkeit empfinden authentischer als Männer. Und Gastfreundschaft kann sich ein Haus nicht verordnen, sie wächst aus dem Selbstwertgefühl von Generationen heran – so wie bei den Entners.

Pertisau, sonnige Gramaialm

Die Loipen ins Karwendel

„3-Täler-Lauf“ nennt sich die Veranstaltung. Am 6. März findet heuer das jährliche Schilanglaufereignis statt. Klassischer Stil und Skatingtechnik werden gelaufen, lange und kürzere Streckenlängen stehen zur Auswahl – für jeden etwas.Pertisau, GernalmWir wollen die Läufer auf der 33 km langen Königsrunde begleiten, dabei können wir die Pertisauer Loipen gut kennenlernen. Bei diesem Bewerb wird nur im klassischen Stil gelaufen, im Urstil, mit dem man sich auch im unverspurten Gelände vorwärts bewegen kann, und bei dem die Eleganz der Bewegung eine wunderbare Symbiose mit der Ästhetik der Natur bildet. In Zeiten des „Immer schneller, immer höher“-Denkens hat Skaten die Alleinherrschaft angetreten – man ist damit eben schneller; und doch ist das nur etwas für Spezialisten, das Gros der Langläufer bewegt sich noch immer im angeborenen Rhythmus durch die winterliche Landschaft fort.

Loipenzentrum, 9:30 Uhr – Startschuss für den 33-km-Lauf. Vorne weg die Wettkämpfer, hinten die Langlauf-Gourmets.

Pertisau, Petzlachalm

Tal 1: das Gerntal. Fast bei der Hälfte des Aufstiegs liegt die Pletzachalm (1040 m), bis zur Wende auf der Gernalm (1169 m) sind es vom Start weg 5 km. Den Talabschluss dominiert die mächtige Bettlerkarspitze (2268 m), ein imposanter Gipfel, der jedem Besucher unmittelbar ins Auge springt. Der Rückweg ist fast durchgehend Abfahrt, sodass das Loipenzentrum rasch wieder erreicht ist – die ersten 10 km sind gelaufen und den Genießern tut es fast leid, dass die Etappe durch das liebliche Gerntal schon vorbei ist.

Tal 2: das Tristenautal. Der Dristenkopf ist einer der markanten Gipfeln, die schon vom Achensee aus die Blicke der Besucher auf sich ziehen. Zwischen dieser auffallenden Bergspitze und dem Schiberg Pertisaus, dem Zwölferkopf, liegt das Tristenautal mit der Loipe. Etwa 7 km legen die Teilnehmer zurück, bis sie wieder das Loipenzentrum erreichen.

Pertisau, Falzthurntal

Tal 3: das Falzthurntal. Es ist eine weite Mulde, teilweise mit Bäumen bewachsen, die uns durch dieses idyllische Karwendeltal leitet. Am Eingang grüßt uns auf der südlichen Talseite der Dristenkopf, auf der nördlichen begleiten uns das Falzthurnjoch, weiter drinnen im Tal die Schaufelspitze und das Sonnjoch – die Gipfel, die uns schon vom Ort aus aufgefallen sind. Ziemlich genau bei der Hälfte des Anstiegs treffen wir auf die Falzthurnalm (1089 m), bis ganz hinauf auf die Gramaialm (1283 m) sind es noch 3½ km. Und wieder beherrscht ein Gipfel das Panorama im Talschluss:die Lamsenspitze (2508 m). Die Spitzengruppe hat dafür keinen Blick, die letzte Abfahrt ins Ziel, 7 km lang, steht noch bevor. 14 km ist die Falzthurntal-Loipe lang, und sie ist nicht nur die längste, sie ist für viele auch die Reizvollste.

Pertisau, Kapelle bei der Gramaialm

Mit den diversen Verbindungsrouten liegen im Ziel 33 km hinter den Teilnehmern, die Streckenlänge ist für alle dieselbe gewesen, bei der Laufzeit liegen Welten zwischen dem Ersten und Letzten. Die Schnellsten sind gerade etwas über 1½ h unterwegs gewesen, die Genussläufer haben die 3 Karwendeltäler mehr durchwandert als durchlaufen und sind auch so an ihrem Ziel angekommen, möglicherweise ist einigen von ihnen der folgende Ausspruch bekannt gewesen:

„Das Leben ist kurz, weniger wegen der kurzen Zeit, die es dauert, sondern weil uns von dieser kurzen Zeit fast keine bleibt, es zu genießen.“ Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)

Rousseau war so etwas wie ein Universalgenie: Philosoph, Dichter, Pädagoge, Komponist, einer der wichtigsten Vertreter der Aufklärung und bedeutendster Wegbereiter der Französischen Revolution, er war ein Lobpreiser des Natürlichen, Zivilisation war für ihn eine Geschichte des Niederganges. An den Achensee kam der ruhelose Schweizer Philosoph Rousseau nie – gefallen hätte es ihm hier gewiss.

Pertisau, Bärenlahnersattel


Epilog:

Mit der Hervorhebung der „Langsamen“ bei Langlaufveranstaltungen, soll keineswegs die Leistung der „Schnellen“ abgewertet werden – die stehen sowieso im Mittelpunkt des Interesses. Es ist eine Hommage an die Langsamkeit, als Basis jedes qualitativen Handelns.

Franz Haslinger, Pertisau im März 2011

Copyright © haslinger.franz@yahoo.de

reisegeschichten

Kommentare

Sönnchen

Traumhaft

Scheint ja echt traumhaft zu sein in Pertisau. Toll finde ich bei diesem Beitrag, dass man auch so viel über die Geschichte von Pertisau erfährt.

Ich habe mir das Gebiet jedenfalls für meinen nächsten Winterurlaub vorgemerkt, nachdem ich gesehen habe, dass es dort auch einige Möglichkeiten für Alpin-Skifahrer gibt.