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DER LECHWEG

Vom Formarinsee in Vorarlberg zur Genuss Welt in Füssen

Formarinsee

Genuss Welt in Füssen


"Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen."

Konfuzius

Am Lech

Ein Hafen der Ruhe

Von Zuhause wegfahren gehört zum guten Ton, irgendwohin, und das ist heute einfach: Fliegen, mit dem Auto, Bus oder der Bahn reisen, alle Möglichkeiten stehen reichlich zur Verfügung, sodass die Trenddestinationen demzufolge in den bevorzugten Urlaubszeiten hoffnungslos überlaufen sind. Auto- und Bustouristen bekommen das schon bei der Anreise zu spüren, sie stehen im Stau – und das jedes Jahr, immer wieder, da hilft auch ein schnelles, mit vielen Pferdestärken bewaffnetes Fahrzeug nichts. Doch dann gibt es noch die Individualisten, manchmal auch als Spinner abqualifiziert – allerdings vergrößert sich deren Zahl kontinuierlich –, die reisen mit dem Fahrrad oder gehen zu Fuß, beide sind wandernd unterwegs, die nur so weit kommen, wie es ihre Kräfte zulassen. Das Anliegen dieser Wanderer ist nicht, möglichst rasch von einem Ort zum anderen zu gelangen – sie sind die Apologeten der Langsamkeit, der Muße. Bei einem solchen Unterwegssein entdeckt der Reisende die unzähligen Kostbarkeiten am Rande des Weges, die den Akteuren des Massentourismus verborgen bleiben.

Füssen Lechhalde

Ein lohnenswertes Ziel

Immer dunkler wird es, nur die grellen Blitze tauchen die grauen und schwarzen Wolken in ein magisches Licht. Die Zeit zwischen grellem Aufleuchten und herankommendem Donnergrollen wird kürzer, das Kerngebiet des Gewitters scheint immer näher zu rücken, und schon klatschen die ersten großen Tropfen auf die zierlichen Tische, die auf der Straße vor dem kleinen Lokal stehen. Patricia Baltatzis, die Gastgeberin, sammelt eilig die Sitzpölster ein, bringt die Sonnenschirme vor dem aufkommenden Wind in Sicherheit – und es geht los, der Himmel öffnet seine Schleusen, Blitze zucken, Donner dröhnen.

Im Innern der Cafeteria – Genuss Welt nennt die Besitzerin ihr Geschäft, in dem sie Tee, Kaffee und Schokoladen anbietet – ist es angenehm ruhig, das Platschen des Regens, das Donnergebrumm dringt nur gedämpft von draußen herein. Patricia backt darüber hinaus ihre Kuchen selbst, und das schätzen die zahlreichen Stammkunden. Nicht nur die – auch Radwanderer, die eben den Lechradweg gefahren sind, können das unaufdringliche Kleinod nicht verfehlen. Für den Individualisten ist die Fahrt am Lech entlang nicht beim Lechfall zu Ende, sondern er fährt die Mühlbachgasse weiter hinunter bis zur Lechbrücke, überquert den Fluss, radelt die Lechhalde hinauf, an der Spitalskirche vorbei bis zum Brotmarkt. Und erst hier ist er wirklich angekommen – Ecke Lechhalde–Brotmarkt findet er die „Welt des guten Geschmacks“, wie Patricia ihr kleines Café auch tituliert.

Und bei einem derartigen Platzregen wie eben diesen, setzt man sich gerne auf einen der hohen Hocker, auf dem kleinen Tischchen davor lädt einer von Patricias selbstgemachten Kuchen ein, dazu ein frischgebrühter Espresso und – das besondere Qualitätsmerkmal – ein Glas Wasser. Draußen fließen Rinnsale die Lechhalde hinunter zum Lech, der Wolkenbruch hat noch nichts von seiner Heftigkeit verloren. Von dem Platz am Fenster kann man die nähere Umgebung des Cafés gut überschauen.

Kloster St.Mang

Der Blick aus dem Fenster

Wenn man hinunter zum Lech schaut, sieht man auf der linken Seite die Heilig Geist Spitalskirche; erbaut wurde sie in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die lila bemalte Fassade im Rokokostil strahlt auch noch durch den dichten Regen bis zu dem behaglichen schmucken Café herauf.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wuchten die Mauern des ehemaligen Benediktinerklosters St. Mang in die Höhe. In dem barocken Prunkbau sind das Museum der Stadt Füssen, die Stadtbibliothek und die Stadtverwaltung untergebracht. Die Gründung des Klosters soll auf den heiligen Magnus von Füssen zurückgehen,der als Missionar im 9. Jahrhundert hier wirkte. Den jetzigen mächtigen Klosterbau errichtete der Benediktinerorden im Sinne der Gegenreformation zwischen 1696 und 1726 – protziges Barock sollte Herrlichkeit und Macht der katholischen Kirche demonstrieren. 1801 vereinbarte Napoleon mit dem Vatikan die strikte Trennung von Staat und Kirche. Dieser Vertrag war dann auch die Grundlage der Säkularisation in Bayern: Im März 1803 mussten die Benediktiner das Kloster St. Mang räumen.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Mensch gerade dann an Schönes zurückdenkt, wenn es ihm gut geht. Und darüber besteht kein Zweifel, an Füssen’s besinnlichstem Ort, beschenkt mit Patricias Gastlichkeit, vergisst der Besucher die Zeit.

Der Lech im obersten Lechtal

Der Lechwanderweg

Gebirgsseen sind die gemalten Augen der Berge, und bei einem solchen in der Sonne blaugrün funkelnden Auge hat alles begonnen: am Formarinsee im Lechquellengebirge in Vorarlberg. Fast 1.800 Meter über dem Meeresspiegel beginnt der Lechweg, und dort entspringt auch der Formarinbach. Teilweise entlang dieses Gebirgsbachs, dann wieder etwas abseits, führt uns der Steig hinunter ins Tal. Etwa bei der Hälfte des Weges nach Lech sprudelt vom Spullersee kommend der Spullerbach in den Formarinbach. Das ist hydrogeographisch nicht richtig charakterisiert, es mündet nicht ein Bach in den anderen, die beiden Bäche vereinigen sich und ab diesem Zusammenfluss heißt das Gewässer: der Lech. Durch Zug, einem kleinen Weiler der Gemeinde Lech, führt uns die Wanderung nach Lech hinein. Mit der Umrundung des Formarinsees sind es an die 20 Kilometer gewesen,und Ästheten der Langsamkeit spendieren dafür an die 7 Stunden.

Der Lech

Walserhaus

Der Lechradweg

Im Winter ist der mondäne Wintersportort Lech eine der teuersten, gleichwohl eine der schönsten Adressen für Schifahrer. Im Sommer hat sich der Ort wieder in ein einnehmendes Bergdorf zurückverwandelt – fast, ganz vermag Lech seine Extravaganz allerdings nicht abzustreifen. Ab Lech „wandern“ wir auf unseren Rädern weiter. Die ersten 18 Kilometer, über Warth bis nach Steeg fahren wir auf der Straße, zwei Steigungen sind dabei zu bewältigen. Nach Warth verlassen wir Vorarlberg, das Tiroler Außerfern beginnt. In beiden Regionen wird übrigens ein alemannischer Dialekt gesprochen, im Gegensatz zum übrigen Österreich, wo bairisch vorherrschend ist.

Von Steeg weg genießen wir einen der idyllischten Radwanderwege weit und breit. Abseits der Autostraße, meist asphaltiert, lange Strecken direkt am Lech entlang, einzigartig einfach gekennzeichnet – da waren Profis, die selber Fahrradfahren können, mit Liebe am Werk. Die Allgäuer- im Norden und die Lechtaler-Alpen im Süden begleiten den Wanderer auf seinem Weg.

Fußgängerhängebrücke

In Holzgau erbauten die Tourismusmanager über die Höhenbachschlucht eine zweihundert Meter lange spektakuläre Fußgängerhängebrücke; sie liegt nicht am Radweg, der Radfahrer muss eine Stunde Fußmarsch, hin und zurück, in Kauf nehmen, um den Abgrund zumindest einmal auf dem etwas schwankenden Übergang zu überqueren.

Pfarrkirche in Holzgau

In Elbigenalp begegnen wir der Geschichte von der Geierwally. Eigentlich müsste sie „Adlerwally“ heißen, doch im Tirolerischen benannte man alle Greifvögel als Geier. Die Vögel plünderten die Lämmer der Bauern. Um ihre Zahl zu verringern nahmen die Bauern die Jungvögel aus den Nestern und verkauften sie an Falkner. Adler bauten ihren Horst zum Schutz der Jungen an steilen Felswänden – und dorthin musste man erst einmal kommen. Das war die Aufgabe der Geierwally. Sie hieß Anna Stainer-Knittel, lebte von 1841 bis 1915. Sie war viel mehr als das tapfere Mädchen, das die Jungvögel aus den Adlerhorsten holte. Sie trug Hosen, ließ sich das Haar bubenhaft kurz schneiden, sie war die erste weibliche Schülerin an der Kunstakademie in München, ihren Mann Engelbert Stainer suchte sie sich selbst aus – damals noch ein unerhörtes Unterfangen – sie zog nach Innsbruck, wo sie als Malerin ihr eigenes Geld verdienen konnte. 1873 eröffnete sie dort eine Mal- und Zeichenschule für Frauen, die sie bis ins hohe Alter leitete. Die Romane und Filme über sie verzerren ihre Persönlichkeit, erst 1992 schrieb der Tiroler Schriftsteller Felix Mitterer das Bühnenstück „Die Geierwally“, das die Geschichte wieder an ihren Ursprungsort brachte, auf die Geierwally-Freilichtbühne in der Bernhardstalschlucht bei Elbigenalp. Die „Geierwally“ war eine kämpferische emanzipierte Frau, die in der männerdominierten Welt der Habsburgermonarchie großen Mut bewies, die ihrer Zeit weit voraus war.

Der

Viel gibt es für den „Langsamreisenden“ im Lechtal zu entdecken, ob in einem der Tiroler Dörfer, wie Stockach,Bach oder Vorderhornbach. Bis Stanzach sind es vom Ort Lech um die 55 Kilometer. Zeit zum Übernachten. Bis Füssen fehlen dann noch etwa 45 Kilometer.

Vom hinteren Lechtal, wo beim Zusammenfluss des Formarin- mit dem Spullerbach der Lech beginnt, bis zum Lechfall in Füssen begleitet uns eine der letzten unregulierten Flusslandschaften Europas, die dem betongewohnten Großstädter wie das Paradies vorkommen muss. Es ist ja nicht leicht einer verwöhnten Klientel Begeisterung zu entlocken – eine naturbelassene Szenerie, wie die des Lechtals, bringt das ganz allein zu Stande.

Bauernhaus in Martinau

Bei Stanzach

Ein Wunsch

In dem behaglichen Raum von Patricias Genuss Welt kommt der Mensch eben manchmal ins Träumen. Das einschläfernde Plätschern des Regens ist es gewesen, dass die gesamte dreitägige Reise an dem seinen Gedanken nachhängenden „Fenstergucker“ noch einmal vorübergehuscht ist.

Entlang des Lechs, vom Formarinsee im Hochgebirge, von 1.800 Meter, zu Fuß nach Lech und mit dem Rad nach Füssen im Allgäu, auf etwa 800 Meter hinunter. Die Fahrt ist nicht schwierig gewesen, dafür umso anmutiger, großartiger.

Ja und der Wunsch. Der richtet sich an Patricia, dass sie weiterhin ihre Gaumenfreuden zaubert, ihren brillanten Kaffee kredenzt, und dass diese Oase der Ruhe noch viele Ästheten des Ungestörtseins erfreuen kann. Garantie dafür ist auch die Kleinheit ihres Geschäfts, bei dem Qualität vor Quantität rangiert.

Ein Aphorismus des großartigen Lyrikers der Romantik Joseph von Eichendorff – gemäß der Gegebenheit etwas feminisiert – zeichnet in wenigen Worten das Geheimnis von Patricias Genuss Welt: „Wo eine Begeisterte steht, ist der Gipfel der Welt.“

Franz Haslinger
Füssen, im Juli 2016

Die Cafetreia Patricias

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